Die "Coca Colonisation"
des Weines
Sparmentalität, Billigboom, Discountphänomen
- in Deutschland liegt der Durchschnittspreis für eine Flasche
Wein bei 2,09 Euro. Ermöglicht wird das Preis-Dumping durch
die Globalisierung des Weinmarkts. Und da statistisch gesehen
der Weinkonsum in der Welt zurückgeht, ist die Konkurrenz
der Anbieter entsprechend hart. Es herrscht Überproduktion
und Preisverfall. Supermarktketten und Discounter "machen"
den Markt, bestimmen die Preise - und damit auch die Qualität.
Gigantische Abfüllanlagen kaufen den Rohstoff, der nach den
Wünschen des Auftraggebers verschnitten, gesüßt,
entsäuert, versektet und schließlich abgefüllt
wird. Zählt man Flaschen, Korken, Etikett, Transport, Handling,
Füllung und vor allem Marketing zusammen, kann der Rohstoff
angesichts der Regalpreise nicht viel wert sein. Ernüchternd
ist nicht, dass es sie gibt, sondern das diese Preisklasse nahezu
90% des Weinmarktes ausmacht!
Dazu kommen die Global Players. Glaubt man den Prognosen von
Markt-, Trend- und Zukunftsforschern, dann werden Weine mit Markencharakter,
die exakt auf die Sehnsüchte und Wünsche bestimmter
Konsumententypen zugeschnitten sind, auf dem deutschen Markt in
den nächsten Jahren kräftig an Bedeutung gewinnen. Angesichts
der sinkenden Zahlen im Bier- und Spirituosenbereich strecken
die internationalen Getränkekonzerne ihre Fühler in
Richtung Wein aus. Pernod Ricard gründete bereits 1975 die
Orlando-Kellerei im australischen Barossa Valley und baute die
weltweit erfolgreichste Weinmarke der Welt auf: Jacob’s
Creek. Noch größer ist der Hunger des US-Getränkemultis
Constellation Brands, der sich die größten Weinkellereien
der Welt einverleiben konnte und im Dezember 2004 rund 1,36 Milliarden
Dollar für die Robert Mondavi Corporation auf den Tisch blätterte.
Der Konsument verlangt vom Wein nur eins: er soll lecker schmecken.
Im Premium Segment verdient die Qualität sogar Respekt. Ausgangspunkt
für die Brand-Manager, von denen viele durch die harte Coca
Cola-Schule gegangen sind, ist dabei immer der Markt - nicht der
Weinberg.
Der nächste Streitpunkt sind die Vinifikationsmethoden.
Eichenholzlamellen und Eichenholzspäne erzeugen einen Holzgeschmack.
Eine computergesteuerte Zuführung von Sauerstoff kann eine
Reifung im Schnellverfahren bewirken. Dazu kommen Zitronensäure,
künstliche Tannine, Zugabe von Enzymen bei der Gärung,
die den Geschmack verändern und das Spinning cone Verfahren,
das dem Wein Alkohol entzieht, wenn leichtere Weine erwünscht
sind. Und das Unglaubliche kommt noch: Die Möglichkeit einer
Fraktionierung des Weins wird in vielen Ländern untersucht,
d.h. der Wein wird im Labor in seine molekulare Bestandteile zerlegt
und unerwünschte Bestandteile können eliminiert werden.
Die Entwicklung zum standardisierten Industriewein, der sich in
jeder gewünschten Geschmacksrichtung und in nahezu beliebigen
Mengen erzeugen lässt ist unaufhaltbar.
Die Diskussion zwischen den traditionell-handwerklichen Winzern
und der global operierenden Weinindustrie wird weitergehen - es
geht um Weinethik, Verbraucherschutz und Preisvorteile. Jeder
zeigt mit dem Finger auf die anderen. Wie die Debatten auch ausgehen,
der Markt für feine Weine bleibt klein und Individualität
hat eben seinen Preis. Das ist bei Maßschneidern genauso.
Quellen: Jens Priewe (Weingourmet), Wein + Markt (Meininger Verlag),
Ch’ng Poh Tiong (Vortrag)