Botrytis cinerea
Botrytis cinerea
ist ein Pilz, der in zwei Formen existiert:
1.
In Form der unerwünschten Graufäule.
Befallen werden alle grünen Teile
der Rebe und die unreifen oder beschädigten Beeren. Sie faulen
und sterben ab. Besonders groß ist die Ansteckungsgefahr
bei feuchter Witterung mit warmen Temperaturen. Es kommt zu großen
Ertragsausfällen. Aus solcher Frucht bereitete Weine riechen
stickig, Rotweine zeigen blasse, graubraune Farbe.
2. In Form der gewünschten Edelfäule.
(franz. pourriture noble, ital. muffa)
Damit Edelfäule entsteht, ist schwankende
Feuchtigkeit nötig: Nebel nachts und morgens, gefolgt von
warmen, trockenen und windigen Tagen, an denen das Wachstum des
Pilzes gehemmt wird. Wichtig ist auch die Nähe von einem
Fluß oder See. Unter diesen Bedingungen wird die reife,
weiche Beerenhaut mit dem Pilz infiziert, aber sein Wachstum wird
begrenzt und der Stoffwechsel verändert. Edelfäule baut
die Säuren in der Traube um, insbesondere die Weinsäure,
die in infizierten Beeren drastisch sinkt. Auch der Zucker wird
verändert, der Gesamtzuckergehalt fällt um 35%; dies
wird durch den Wasserverlust überkompensiert, der übrige
Zucker ist konzentrierter. Es entsteht Glycerin, das zum öligen
Touch des Weins im Mund beiträgt.
Die Lese: Die
Trauben sehen zwar abstoßend aus (cinerea = Asche), haben
aber eine derart komplexe Veränderung durchgemacht, dass
sie die wahrscheinlich feinsten und langlebigsten Weine der Welt
hervorbringen können. Es kommt selten vor, dass alle Trauben
an einem Weinstock, ja selbst die Beeren in einer einzigen Traube
in genau demselben Ausmaß befallen sind. Deshalb erfordert
die Lese in so einem Weinberg mehrere Durchgänge (Tris),
bei denen einzelne Trauben oder auch nur Teile, sogar einzelne
Beeren davon im optimalen Befallzustand geerntet werden. Das heißt:
eine aufwendige und kostspielige Lese von Hand.
Rebsorten und Anbaugebiete: Traditionell
sind Sémillon, Sauvignon blanc, Muscadelle (Sauternes und
den nahe gelegenen Süßweinbereichen Cérons,
Loupiac, Cadillac, St. Croix du Mont und Monbazillac), Chenin
blanc (Loire), Riesling (Deutschland), Gewürztraminer (Elsaß)
und Furmint (Tokay). Die Spezialitäten am Neusiedlersee in
Österreich sind Weissburgunder, Traminer, Bouvier und Welschriesling.
In der Neuen Welt werden auch schon edelfaule Weine bereitet.
Nicht jeder Süßwein ist auch edelfaul.
Manche Weine sind aus überreifen, rosinierten Trauben ohne
Botrytis Befall, manche aus getrockneten Trauben (Recioto, Vinsanto,
Strohwein) und manche werden durch Spriten, d.h. Zugabe von Alkohol
bei der Gärung, süß bereitet (Portwein, Vin doux
naturel).
Der Duft von Edelfäule wird meist als
honigwürzig bezeichnet, er weist aber oft auch einen (durchaus
angenehmen) Unterton von gekochtem Kohl auf. Klassische Gerichte
dazu sind Gänseleberpastete, gereifter Roquefort, Desserts
mit Duft- und Geschmackstoffen von getrockneten Aprikosen, karamellisierte
Walnüsse, Marzipan, kandierte Bitterorangen, Honig, Ingwer,
Zimt, Lebkuchen, etc.